Zehn.

Abiturjahrgangstreffen. Warum auch nicht nach zehn Jahren. Die Antwort auf die Frage „Und? Was machst du so?“ habe ich im Laufe des Abends etwas variiert und den Umständen angepasst:

Vorm ersten Gin Tonic: Ausführliche Jobbeschreibung. Wohnort inkl. Kiezvorzüge. Familienstand. Hobby.

Während des zweiten Gin Tonic: Jobbeschreibung. Wohnort und Kiez. Keine Kinder.

Nach dem dritten Gin Tonic: Was mit Internet. Berlin. (Dabei Hand mit Verlobungsring hochgehalten.)

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Zehn.

Jungs.

Im Grunde kann man als Mädchen ja alles damit erklären, dass man in Jungscliquen sozialisiert wurde. Das ist sehr praktisch im täglichen Leben. Ein Rülps findet seinen Weg in die Freiheit? Sorry, ich war in meiner Kindheit nur von Jungs umgeben. Frauenzeitschriften sind nicht zum Lesen da, sondern eignen sich viel besser als Brennmaterial für den Grill? Huch, bin mit Jungs aufgewachsen. Eine direkte Art macht das Leben leichter? Und schon wieder: Es ist wegen der Jungs. Das letzte Puder ist beim letzten Absturz auf die Fliesen in tausend Teile zerbrochen und seitdem wird kein Neues nachgekauft? Egal, früher hat der Walddreck die beste Haut verursacht. Zusammenfassend: Hurra!

Jungs.

Mädchensein.

Damals vor 12 Jahren hast du dich noch geärgert, dass er dir keine Beachtung geschenkt hat. Dass du ein Jahr lang Luft für ihn warst. Dabei bist du mit neun anderen Jugendlichen aus der ganzen Welt in dieses neue Land gekommen und er war dafür da, dich bei Problemen zu untersützen. Doch er hat dich nie angerufen. Die anderen Neun hat er zu Parties eingeladen, von denen du erst am Tag danach erfahren hast. Du dachtest damals, dass es vielleicht daran liegt, dass du das einzige Mädchen dieser Gruppe bist. Und diese Parties in dem neuen Land eben Jungssache waren. Heute weißt du, dass er dich genau aus diesem Grund ignoriert hat. Weil du ein Mädchen warst. Weil du nur das Unfassbare mildern solltest. Als Mädchen. Du warst gut für seine Quote und für sein Ansehen. Damit niemand Verdacht schöpft. Heute weißt du auch, dass du nie mehr Glück hattest. Das Mädchensein hat dich beschützt. Er mochte Jungs. Dreißig Jahre zog er durch mehrere Bundesstaaten und verließ den jeweiligen Ort, wenn es für ihn brenzlig wurde. Nachdem alle wieder in ihren  Heimatländern waren, verließ er die Stadt. Zehn Jahre später bricht für ihn alles zusammen. Die inzwischen Erwachsenen, die damals als Jugendliche auf das Jahr ihres Lebens hofften, schweigen nicht mehr. Die damaligen Jungs sprechen. Auch zwei Jungs, die du kennst. Und du begreifst, dass du nie dankbarer warst, ein Mädchen zu sein. Gerichtsurteil: 25 Jahre. Mr. R. – du hattest Glück. Du weißt, dass dieser Bundesstaat in solchen Angelegenheiten eigentlich nicht zimperlich ist. Und du weißt auch, dass man dir nie verzeihen wird.

Mädchensein.

Göre.

Hallo Berlin,

manchmal liebe ich dich und manchmal hasse ich dich. Wenn du willst, kannst du sehr zauberhaft sein. Wenn du keinen Bock ist, bist du aber auch gern mal ein rotziger Balg. Dann gehst du mir echt auf die Nerven und ich schiele ins Umland, um dich zu verlassen. Tu‘ es dann aber doch nicht, weil du ja auch nur die Summe deiner Einwohner bist und für manches eben einfach nichts kannst. Ach Berlin…du bist schon so ne richtige Göre.

Gerade passt es ganz gut mit uns. Ich bleib noch ein bisschen.

Herzlichst,
Frl. Puppe

°°°
Was Sie, lieber Leserinnen und Leser, diesem Berlin schon immer mal sagen wollten, hat Platz in den Kommentaren. Ich leite es gern weiter.

 

Göre.

Schneckchen.

An Tagen wie diesen, wenn der Puppenkopf wegen großer Aufregung und noch größerem Stress zu platzen droht. Wenn Telefone jongliert werden und der Schreibtich aussieht, als wären in kurzen Abständen zehn Bomben explodiert. Dann…dann hilft nur noch das kleine gelbe Post-it, dass die Kollegin über die Bildschirme reicht. Und plötzlich lehnt sich Frl. Puppe zurück, atmet tief durch, kiekt sich im Büro um und denkt: Alles richtig gemacht, damals.

Schneckchen.

Jung.

Die Eltern des Frl. Puppe sind der Ansicht, dass ich nie zu alt für einen Adventskalender werde. Das finde ich ganz schön gut. Jedes Jahr denke ich: „Okay…dieses Jahr gibt’s noch mal einen Adventskalender. Aber bestimmt ist im nächsten Jahr Schluss damit.“ Aber immer zum 30.11. trudelt ein Päckchen ein und siehe da – wieder so ein Ding mit 24 Türchen. Und da ich die meiste Zeit auf Maloche verbringe, steht er nun auf meinem Schreibtisch. Bleibt nun die Frage zu klären: Die Türchen fürs Wochenende bereits am Freitag leeren oder erst am Montag nachträglich öffnen?

Jung.